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Lebensmittelskandal: Rosstäuscherei im Pferdefleisch-Geschäft

Von Stefan Kaiser und Christian Teevs

 

Hamburg - Ein Massenprodukt ist Pferdefleisch in Deutschland nicht. Gerade einmal 50 Gramm pro Kopf verzehrt jeder Verbraucher im Jahr - zumindest offiziell. Der Skandal um falsch deklariertes Fleisch lässt nun allerdings viele Konsumenten zweifeln, ob sie nicht doch mehr Pferd zu sich nehmen, als sie glauben.

 

Neuen Erkenntnissen zufolge steckt das falsch deklarierte Fleisch in Lasagne, Ravioli, Gulasch, Pastete. Handelsketten vernichten Zehntausende Fertiggerichte. In 27 EU-Staaten werden flächendeckende Gentests durchgeführt.

 

Schon diese Ungewissheit ist für viele Menschen schwer erträglich. Noch drängender ist jedoch die Frage, woher das Pferdefleisch kommt - und was darin alles enthalten ist. In Großbritannien wurde mittlerweile das im Rennsport gebräuchliche Phenylbutazon in Pferdefleisch nachgewiesen - ein Medikament, das dort eigentlich nichts zu suchen hat. "Wenn ein Pferd einmal Phenylbutazon bekommen hat, darf es nicht mehr geschlachtet werden", sagt Christiane Stehle, Tierärztin in Steißlingen am Bodensee.

 

Dass das Medikament trotzdem in die Lebensmittelkette gelangte, ist ein beunruhigendes Zeichen. Es zeigt, wie manipulationsanfällig das System ist, das darüber entscheidet, welches Tier zum menschlichen Verzehr geeignet ist.

 

Gerade Turnier- oder Schulpferde werden häufig mit Medikamenten behandelt, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Das ist ein offenes Geheimnis - auch in Deutschland. Und selbst Freizeitpferde bekommen zahlreiche Arzneimittel.

 

Seit 2009 braucht jedes Pferd in der Europäischen Union einen sogenannten Equidenpass. Darin werden zum Beispiel das Geburtsdatum, Impfungen und die Identität der Eigentümer eingetragen. Es muss dort aber auch festgelegt werden, ob ein Tier zum menschlichen Verzehr bestimmt ist oder nicht. Turnierpferde etwa sind in der Regel nicht zur Schlachtung geeignet, weil sie stärkere Medikamente bekommen als Freizeitpferde.

 

Auch bei den Pferden, die später geschlachtet und gegessen werden sollen, müssen im Equidenpass die erhaltenen Medikamente vermerkt werden. Je nach Mittel gelten Wartefristen zwischen wenigen und mehreren Monaten, bis das Tier geschlachtet werden darf. So soll verhindert werden, dass Rückstände im verkauften Pferdefleisch bleiben.

 

"Jeder kann sagen, er habe seinen Pass verloren"

 

Ohne sauberen Pass darf kein Pferd geschlachtet werden. Doch was, wenn ein behandeltes Tier nicht mehr gesund wird? Wer den Tierarzt zum Einschläfern ruft, muss rund 150 Euro zahlen und kann das Pferd dann in der Abdeckerei loswerden. Auf der anderen Seite bringt ein Verkauf an einen Schlachtbetrieb vielleicht noch 100 oder 200 Euro ein. Genau hier ist das System anfällig - und wird nach Insider-Angaben auch regelmäßig manipuliert.

 

Die erste schwache Stelle ist der zuständige Tierarzt. "Wenn ein Pferd behandelt wird, muss der Tierarzt das in den Equidenpass eintragen, aber das passiert leider nicht immer", sagt Susanne Hennig, Sprecherin der deutschen reiterlichen Vereinigung, dem Bundesverband für Pferdesport und Pferdezucht (Fédération Équestre Nationale, FN). Entsprechend können Tiere als schlachtfähig deklariert werden, obwohl sie Medikamente erhalten haben.

 

Noch größer ist die Missbrauchsgefahr laut Experten an anderer Stelle: Für Pferde, die mit Medikamenten behandelt wurden, lässt sich nämlich im Zweifelsfall binnen kurzer Zeit ein neuer, sauberer Pass besorgen. Zuständig für die Ausstellung sind in den meisten deutschen Bundesländern nicht etwa die Veterinärämter, sondern die Pferdezucht- und Reitsportverbände. Und die prüfen in der Regel nicht mehr nach, welche Medikamente das Tier erhalten hat.

 

Ein Insider bestätigte SPIEGEL ONLINE die umstrittene Praxis. "Manchmal bekamen Pferde, die am nächsten Tag geschlachtet werden sollten, noch schnell einen Pass", sagt der Mann, der bei einem Sportverband bis vor wenigen Jahren für die Ausstellung der Dokumente zuständig war. Dabei handle es sich meist um Pferde, die bis dato noch keinen Equidenpass hatten. Allein von diesen Tieren soll es in Europa mehrere tausend geben. Er kenne aber auch Fälle, "bei denen die Besitzer behaupten, den Pass verloren zu haben", sagt der Pferdesport-Insider. Dann sei von den Verbänden ohne Umschweife ein neues Dokument ausgestellt worden.

 

"Das ist eine Lücke im System"

 

Auch Tierärztin Stehle sieht das Problem: "Jeder kann sagen, er habe seinen Pass verloren und sich einen neuen ausstellen lassen", sagt sie. "Von den Medikamenten steht dann nichts mehr drin. Das ist eine Lücke im System."

 

Verbandssprecherin Hennig will auf Anfrage nicht ausschließen, dass es solche Fälle gibt. Sie spricht jedoch von Ausnahmen. Dass auf diese Weise medikamentenbelastetes Fleisch in die Nahrungsmittelkette gelange, hält sie für unwahrscheinlich. Schließlich müssten Tiere vor der Schlachtung ohnehin noch mal vom Amtstierarzt untersucht werden. Zusätzlich sei eine Erklärung des Besitzers nötig, dass das Tier zuletzt nicht mit Medikamenten behandelt worden sei, sagt Hennig. "Wir können in Deutschland relativ sicher sein, dass da nicht viel passiert."

 

Ganz anders sieht das die Verbraucherorganisation Foodwatch. Sie stört sich vor allem an der Praxis der Passvergabe. Es sei "skandalös, dass die Verbände die Pferdepässe ausstellen dürfen", sagt der Vizechef von Foodwatch, Matthias Wolfschmidt. Auch bei Pferden gelte das deutsche Lebensmittelrecht. "Und da dürfen Behörden wie Veterinärämter solche Aufgaben nicht einfach Sportverbänden überlassen."

 

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